Ochsenglitter - der Blog

Papa kommt erst Freitag wieder

Was es für uns bedeutet, dass mein Ehemann Berufspendler ist.

Freitags ist neuerdings ein ganz besonderer Tag für uns. Denn Freitagabend kommt der beste Mann der Welt nach fünf Tagen wieder nach Hause. Denn mein Mann arbeitet in der Woche in einer anderen Stadt und gehört damit zur großen Gruppe der Berufspendler in Deutschland. Denn fast 60 % der Berufstätigen in Deutschland pendeln jeden Tag oder jede Woche zwischen Arbeits- und Wohnort.

Mein Mann ist erst seit Anfang Juli Pendler, also noch gar nicht so lange. Vorher sind wir vier Wochen lang durch Florida gereist und haben ganz viele wunderbare Familienmomente erlebt.

Vater steht mit seinen Söhnen am Strand im Meer.

Dann kam der große Tag, an dem mein Mann seinen Koffer gepackt hat und wir ihn an einem Sonntag Abend alle zusammen zum ersten Mal zum Bahnhof gebracht haben.

Und auf einmal war ich ein bisschen alleinerziehend mit Mann.

Natürlich ist meine Situation im Vergleich zu einer alleinerziehenden Mutter noch sehr komfortabel, aber ich bin zumindest in den fünf Tagen von Sonntag Abend bis Freitag Abend alleine mit der ganzen Bande.

Es gibt sogar ein Buch zu diesem Thema, hab ich festgestellt: Alleinerziehend mit Mann

Aber jetzt noch mal von vorne:

Die bisherige Arbeitsstelle meines Mannes war noch nicht gekündigt, als die Zusage für eine neue kam. Alles klang vielversprechend.

Die Aufgabe: Aufbau einer Abteilung, eigene Ideen einbringen, gestalten.

Das Umfeld: Modern, innovativ, auftrebend.

Der Chef: Ein Macher, mitreißend, gut gelaunt.

Das Gehalt: Sehr nett mit Steigerungspotential.

Das einzige Problem: Die Entfernung von 450 km. Das fährt man nicht jeden Tag. Und auch jede Woche ist es nur eine begrenzte Zeit auszuhalten.

Ein sofortiger Umzug stand nicht zur Debatte; zu gut wussten wir, dass jede Medaille zwei Seiten hat. Und was zu gut klingt, kann sich auch schnell in das genaue Gegenteil verwandeln.

Außerdem wird der Große Ende August eingeschult. Das ist zu knapp, um bis dahin zu wissen, ob man jetzt schon umziehen konnte. Ein unterjähriger Wechsel im ersten Schuljahr wäre auch nicht so toll. Demzufolge wäre der nächstmögliche Umzugstermin erst wieder Sommer 2019.

Also würde mein Mann zunächst einmal in der Woche dort im Hotel wohnen (bis er eine Wohnung gefunden hat) und nur am Wochenende nach Hause kommen.

Bei Freunden von uns ist es auch so: Der Ehemann arbeitet in der Woche woanders. Schon seit ein paar Monaten, sie haben zwei kleine Töchter und sie hatten mit uns offen über die Vor- und Nachteile gesprochen.

Und wir kannten es seit Jahren schon, dass der Papa morgens weg ist, bevor wir aufstehen, und abends und nachts berufsbedingt immer unplanbar anwesend ist. Das ist aber immer noch etwas anderes, als komplett alleine. Quasi geplant alleine.

Damit die Entscheidung etwas planbar wird, hatten wir uns einen zeitlichen Rahmen gesetzt. Das war besonders mir sehr wichtig: Nach einem halben Jahr wollten wir darüber abstimmen, ob wir alle in die neue Stadt umziehen. Und dann könnten wir uns ein weiteres halbes Jahr darum kümmern, dass der Große an einer neuen Schule angemeldet wird und der Mittlere einen neuen Kindergartenplatz bekommt.

Dann würde auch unser Haus vermietet werden, ein neues Haus erst mal angemietet werden und natürlich müsste dann auch noch der ganze Papierkram drumherum erledigt werden.

Wenn wir das alles irgendwann geschafft hätten, dann wären wir aber trotzdem erst einmal alleine in einer uns völlig fremden Stadt angekommen.

Und es wäre insgesamt ein Jahr vergangen, in dem wir uns nur an den Wochenenden und im Urlaub sehen würden.

Wir alle hatten wunderbare Freunde hier gefunden, nachdem wir vor vier Jahren schon einmal umgezogen sind. Halten Freundschaften einen Umzug in eine fünf Stunden entfernte Stadt aus? Realistisch betrachtet wohl eher nicht. Schon eine halbe Stunde Entfernung nach dem letzten Umzug hatte viele Kontakte über die Jahre einschlafen lassen.

Wir hatten also von Anfang an durchaus auch einen gesunden Respekt vor der ganze Sache und uns war bewusst, dass so eine Trennung auf Zeit für alle Beteiligten sehr schwer werden würde.

Trotzdem waren wir zu diesem Zeitpunkt noch so erholt und zusammengewachsen, dass wir nach langen Gesprächen beide für „pro“ gestimmt haben.

Und da saßen wir dann also an besagtem Sonntagabend im Auto vorm Bahnhof.

Mein Mann holte seinen Koffer aus dem Kofferraum und verabschiedete sich sichtlich mitgenommen von uns. Denn in dem Moment wurde uns klar, dass aus dem Gedankenkonstrukt der letzten Wochen nun auf einmal Realität geworden war.

Jetzt war es tatsächlich soweit: Mein Mann und der Papa der Kinder war jetzt weg und würde erst nach fünf langen Tagen wieder nach Hause kommen.

Wir alle spürten, dass wir uns eigentlich gar nicht trennen wollten.

Aber wir mussten uns nun trennen  – also gab es ein letztes Winken, viele Küsschen durchs Fenster und dann war er weg.

Der kleine Löwe fing schon im Auto an zu weinen und sagte immer wieder, dass Papa nicht fahren soll. Das Tigerchen überspielte seine Gefühle mit Albernheit, die Zuhause in Wut umschlug. Sein Papa sollte nicht woanders arbeiten.

Und so ging es die erste Woche weiter: Mehrmals am Tag stand der Löwe weinend vor einem Foto, das den Papa zeigt. Während das Tigerchen einen Wutanfall nach dem anderen hatte. Um nach den Wutanfällen weinend zu sagen: „Ich will zu Papa, jetzt sofort. Bring mich zum Bahnhof, Mama. Ich werde dort in einen Zug steigen und zu Papa fahren.“

Ich bekam die volle Wucht an Emotionen und den daraus resultierenden Handlungen ab. Passenderweise fingen die Sommerferien auch noch punktgenau am selben Tag an, an dem mein Mann seine neue Stelle anfing. Und der Kindergarten, in den Tigerchen und Löwe gingen, hatte die ersten drei Wochen geschlossen.

Den Kindergartenabschied des Großen Ende Juli verpasste sein Papa schon.

Tagsüber versuche ich seitdem, die Kinder so gut es geht abzulenken und viel mit ihnen zu unternehmen, damit das Papa-Vermissen nicht zu sehr durchkommt. Das ist anstrengend, aber funktioniert zumindest stundenweise ganz gut.

Zwischendurch muss ich immer wieder eine riesige Wut und Trauer abfangen. Denn auch, wenn die Kinder es rational begreifen, warum ihr Papa nicht hier ist, so kommt unbewusst doch häufig ein Gefühl des Verlassenwerdens hoch.

Abends telefonieren die Kinder und ich per Videochat mit dem Papa. Beim ersten Mal hat die kleine Motte noch hinters Handy geschaut, um ihn zu suchen.

Beim nächsten Mal war es dann schon normal für sie, dass ihr Papa nun anscheinend im Handy lebt.

Und ein paar Tage später war ich dann schon etwas genervt vom abendlichen Anruf, der leider oft kurz vor der Schlafenszeit der Kinder kam. Was natürlich eine enorme Unruhe in die fast schon schlafenden Kinder brachte.

Und ich war müde vom Tag und freute mich auf meinen Feierabend, der schon in greifbare Nähe gerückt war und durch den späten Anruf deutlich verzögert wurde.

Nach den ersten paar Wochen Wochenendehe waren wir alle an einem Punkt angelangt, an dem wir unsere Entscheidung in Frage stellten.

Wir alle spüren die Belastung, sowohl emotional als auch körperlich. Mein Mann schläft schlecht, wir vermissen uns sehr, die Kinder sind immer noch durcheinander und ich bin völlig überarbeitet nach fünf Wochen Ferien mit drei Kindern. 

Hat der Mann einen kurzen Arbeitsweg, wird die Hausarbeit zu 75 Prozent von der Frau erledigt. Bei Pendler-Paaren allerdings zu 90 Prozent.

Soziologe Heiko Rüger vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung, 2014

Und dann war da noch etwas, was ich nicht bedacht hatte:

Es ist nun keiner da, der mich mal in den Arm nimmt und tröstet, wenn ich müde davon bin, dass ich den ganzen Tag über die Kinder getröstet und versorgt habe. Oder wenn ich nachts komische Geräusche im Haus höre. Oder wenn ich selbst einen Alptraum habe.

Vor der Erkältungszeit graut es mir jetzt schon: Ich darf jetzt noch weniger krank werden. Wer würde mich vertreten können?

Mittlerweile leben wir das Wochenend-Papa-Modell schon seit acht Wochen. Und man merkt, dass alle versuchen sich mit der neuen Situation abzufinden. Nach außen zumindest.

Innerlich aber brodelt es in jedem von uns. Das spüren wir besonders an den Wochenenden, wenn sich die Emotionen entladen und dafür sorgen, dass sie für mich zumindest momentan anstrengender sind als die Wochentage dazwischen.

Wie wird die Zeit nach der Wochenend-Papa-Phase? Dann müssen wir uns alle wieder umgewöhnen, nachdem wir jetzt anfangen uns mit der neuen Situation abzufinden. Dann wird es wieder Auseinandersetzungen und verletzte Gefühle geben. Und es werden wieder ganz viel Zeit und Kraft benötigt werden.

Die Wahrscheinlichkeit für eine Scheidung steigt um 40 Prozent, wenn einer der Ehepartner einen Arbeitsweg von mindestens 30 Kilometern hat.

Erika Sandow von der schwedischen Universität Umeå, 2011

Wir haben in den letzten acht Wochen gelernt, dass wir uns als Familie gegenseitig brauchen. Wir müssen zusammen sein, kein Teil darf fehlen, sonst kommen unsere eigene und auch die gesamte Familiendynamik durcheinander. Wir möchten und müssen uns sehen, fühlen, anfassen können. Nicht nur übers Telefon Kontakt halten. Sondern uns richtig umarmen.

Deshalb muss sich etwas ändern.

Es gibt mehrere Studien, die die negativen Auswirkungen des Pendelns zeigen. Und diese reichen von häufigerer Scheidung bis hin zu emotional instabilen Kindern. Doch genau diese negativen Auswirkungen werden wohl von vielen Familien unterschätzt.

Die Kinder von Pendler-Vätern waren häufiger hyperaktiv, kamen schlechter mit Gleichaltrigen klar und waren emotional instabiler.

Jianghong Li und Matthias Pollmann-Schult vom Wissenschaftszentrum für Sozialforschung in Berlin, 2016

Auch wir waren uns nicht bewusst, wie groß die Veränderungen sein würden. Und wie negativ.

Hier noch einmal zusammengefasst die Probleme an einer Wochenend-Ehe (aus Sicht des Modells „Papa arbeitet, Mama bleibt zuhause“ geschrieben, geht natürlich auch andersherum):

  • gerade für die Kinder ist es sehr belastend, wenn sie ständig Abschied nehmen müssen und den Papa in der Woche vermissen
  • als Mutter hat man keine Unterstützung mehr zuhause, kann sich in der Woche nicht darauf freuen, dass nachmittags oder abends Hilfe kommt
  • wenn man krank ist, hat man keinen, der dann übernimmt
  • man lebt in zwei unterschiedlichen Welten, das birgt die Gefahr des sich Auseinanderlebens
  • alle Erwartungen konzentrieren sich auf die kurzen Wochenenden, das erhöht den Druck, dass alles besonders toll sein muss
  • Zärtlichkeit, Nähe und Gespräche kommen viel zu kurz
  • die knappe Zeit am Wochenende muss auf Unternehmungen, soziale Kontaktpflege, Familien- und Paarzeit aufgeteilt werden
  • der Papa verpasst viele schöne Familienmomente mit den Kindern
  • die umgekehrte Eingewöhnung nach Ende der Wochenend-Ehe ist genauso schwer

Wie sind eure Erfahrungen mit den Auswirkungen des Pendelns?


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